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Das Erste, was man in Safi Fayes Film MAN SA YAY (I, Your Mother; 1980) spürt, ist der Druck. Ein Druck, der so präsent ist, dass er sich jeden Moment entladen könnte. Aus zahlreichen Briefen von seiner Mutter erfahren wir von Moussas altem Leben in Senegal. In Berlin folgen wir seinem Alltag als Student mit Gelegenheitsjobs. Die Ethnologin und Filmemacherin Faye zeigt, wie Moussa, Omar, Babacar und ihre Kommilitonen ununterbrochen auf Probleme stoßen.

Das Gewicht der Verantwortung für die Angehörigen in der Heimat wird durch die Entfernung oder die Arbeitslosigkeit nicht geringer, sondern durch ständige materielle Forderungen sogar noch weiter verstärkt. In Deutschland bekommen sie trotz ihrer Integrationsbemühungen immer wieder Fragen zu hören wie: „Warum bist du hier?“ oder „Wann kehrst du in deine Heimat zurück?“

Die Migranten sind nicht ohne Grund in Europa. Moussa und seine Freunde studieren Wasserwirtschaft und Elektrotechnik an der Technischen Universität Berlin. Sobald sie ihren Abschluss in der Tasche haben – in der festen Überzeugung, dass ein ausländisches Diplom ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigert –, wollen sie in ihre Heimat zurückkehren, um dort mit ihren neu erworbenen Fähigkeiten gegen die Probleme in ihren Gemeinschaften und für eine gerechte Gesellschaft zu kämpfen.

Wie einer der Studierenden zu bedenken gibt, müssen die Migrationsströme nach Europa unbedingt auch vor dem Hintergrund der schwierigen Lage in den Herkunftsländern gesehen werden. Eine Situation, vor der viele Menschen fliehen und die auch Moussas Familie in ihren Briefen schildert. Darin berichten sie äußerst detailreich von ihrem Alltag, von Streiks, Preiserhöhungen oder grassierenden Bindehautentzündungen.

Die „Not“ ist in den Gesprächen der Studierenden allgegenwärtig. In ihrer Heimat und in Deutschland sind sie nicht nur mit Arbeitslosigkeit oder mangelnden Karrierechancen konfrontiert. Es gibt Spannungen – kulturell, wirtschaftlich oder gesellschaftspolitisch – in allen Bereichen ihres früheren Lebens. Im Senegal gehörten Pressezensur, Entlassungen und Betriebsschließungen in den 20 Jahren seit der Unabhängigkeit von 1960 nicht nur aufgrund wirtschaftspolitischer Fehlentscheidungen der Regierung zum Alltag. In den siebziger Jahren erhielt das Land sein erstes Darlehen vom Internationalen Währungsfond und bekam so als erste afrikanische Nation die damit verbundenen Belastungen zu spüren.

Bauern und Bäuerinnen im Senegal litten schon lange unter einer rücksichtslosen Industrialisierung der Landwirtschaft. In den meisten Dörfern führten die Menschen ein trostloses Leben. Einem ähnlichen Thema widmet sich Faye auch in ihrem preisgekrönten Film KADDU BEYKAT (1975) über das ländliche Leben in ihrem Heimatdorf. Sie erzählt darin von den Folgen fehlgeleiteter staatlicher Maßnahmen, die Landwirt*innen beispielsweise zur Monokultur und zur Aufgabe traditioneller Anbaumethoden zwangen. Ein Bauer berichtet im Film, dass ihm die politischen Maßnahmen keinerlei Vorteile gebracht hätten und er sich inzwischen in der Hälfte des Jahres nur noch eine einzige Mahlzeit am Tag leisten könne. KADDU BEYKAT durfte im Senegal nach der Veröffentlichung nicht gezeigt werden.

In der Anfangsszene von MAN SA YAY wird Moussa von den Menschen auf der Straße, jung wie alt, angestarrt. Diese Erfahrung hat auch Safi Faye als Model und in der Filmbranche während ihrer Studien- und Arbeitszeit in Paris gemacht.

Das wirtschaftliche Ungleichgewicht hatte deutliche Entwicklungsrückstände auf dem Land zur Folge. Vielen Menschen blieb keine andere Wahl, als sich auf den Weg nach Europa zu machen. Was sie dort vorfanden, war keine Utopie. In der Anfangsszene von MAN SA YAY wird Moussa von den Menschen auf der Straße, jung wie alt, angestarrt. Diese Erfahrung hat auch Safi Faye als Model und in der Filmbranche während ihrer Studien- und Arbeitszeit in Paris gemacht. Sie verarbeitete diese Erlebnisse in ihrem Kurzfilm LA PASSANTE (1972).

Im weiteren Verlauf von MAN SA YAY findet Moussa auf dem Heimweg ein weggeworfenes Telefon mit Wählscheibe und sagt dazu im Voiceover: „Dieses Telefon wird niemals ein Geräusch von sich geben.“ Zu Hause führt er ein imaginäres Telefongespräch, eine der eindrucksvollsten Szenen des Films: Er nutzt die Möglichkeit, um selbst eine Antwort auf Fragen nach den Gründen für seinen Aufenthalt in Berlin zu geben.

„Ihr fragt mich, warum ich hier bin? Darauf möchte ich gern antworten.

Ihr sagt, ich sei zu laut, und ich entgegne, dass hier Frieden und Stille herrschen.

Was soll ich jetzt also machen? Ich arbeite. Ich studiere. Ich lerne sogar Deutsch …

Wie lange werde ich hier sein? Wann gehe ich zurück nach Afrika? Meine Plazenta ist in Afrika begraben.

Früher oder später kehre ich zurück an den Ort, an dem ich mein zweites Ich zurückgelassen habe.
[…] Sterben werde ich hier nicht.“


Es ist eine Frage des Stolzes, und Moussa ist fest entschlossen, sein Ziel zu erreichen.

Die Szene erinnert an die Zeile „Ich hasse vergebliche Reisen – ich bin Afrikaner“ aus Wole Soyinkas satirischem Gedicht „Telefongespräch“ (1962) über rassistische Diskriminierung in Großbritannien. Keiner der Migranten ist „als Tourist“ in Deutschland, und so rückt der Film in weiteren Szenen die von ihnen erlebte harte Realität der Arbeits- und Heimatlosigkeit in den Vordergrund. Drei Worte besiegeln das Schicksal der Migranten: „Nur für Deutsche.“

Die Migrationsströme reißen nicht ab. Es gibt Orte, an denen Migrant*innen noch immer nicht willkommen sind. Noch heute ist die Botschaft des Films MAN SA YAY so gewichtig wie zum Zeitpunkt seiner Entstehung. Ganz gleich, ob sich der Druck aus der Heimat und dem Ausland entlädt oder nicht, die Migrant*innen sind stets bemüht, ihr Bestes zu geben. Nach einem Tag mit schlechten Geschäften sagt Omar zu Babacar: „Pack‘ deine Sachen. Lass uns nach Hause gehen.“ In diesem und in vielen weiteren Momenten meint er mit „nach Hause“ nicht den Senegal, sondern irgendeinen Ort in Berlin.

Aderinsola Ajao lebt in Lagos, Nigeria. Sie ist Kulturmanagerin und Gründerin/Kuratorin des unabhängigen Kinoprogramms Screen Out Loud.

Übersetzung: Kathrin Hadeler

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