Wie so oft im Laufe meiner filmischen Erforschung von Sprache und Sprachen, habe ich auch diesmal erst im Nachhinein verstanden, dass dieser neue Film im vorherigen verborgen war.
So begann LETTRE ERRANTE (WANDERING LETTER) mit der Kindheitserinnerung, dass ich den Vornamen meiner Freunde eine Farbe zugeordnet hatte, die mit ihrem Anfangsbuchstaben in Verbindung stand. Derselbe Film endete mit der Geschichte der wahrscheinlichen Erfindung des Alphabets in einer Türkisgrube in der Wüste Sinai – derselben Wüste, in der laut Bibel Gott Moses die Gesetzestafeln übergab.
In PRÉNOMS (GIVEN NAMES) kam mir die Idee, mich mit Freunden von heute zu treffen und sie zu bitten, mir die Geschichte ihrer Vornamen zu erzählen. Mit einem Blumenstrauß in der einen Hand und meiner Kamera in der anderen stehe ich vor einer Tür, die von einer lächelnden Freundin oder einem lächelnden Freund geöffnet wird. Ich sage ihren oder seinen Vornamen. Später, im Austausch für den Blumenstrauß, bekomme ich einen Strauß von Worten. Am Anfang war es wie ein Spiel. Für jeden Buchstaben des Alphabets wählte ich einen Vornamen. Ich fand nicht 26, sondern nur 22. Anstelle eines Films hatte ich zunächst eine Installation mit 22 Tafeln im Sinn, wie Spielkarten. Aber was als Spiel begann, entpuppte sich als filmisches Abenteuer, in dem Freundschaften erforscht und vertieft wurden.
In diesen verzweifelten Zeiten waren diese Begegnungen Momente, die mir halfen, weiterzudenken und weiterzumachen.
Die Freunde erinnerten sich, erzählten, schmückten aus, interpretierten und übersetzten ihre Vornamen, die oft aus anderen Sprachen stammten. Das alles ging weit über das hinaus, was ich mir hätte vorstellen können. Diese intimen, erstaunlichen und einzigartigen Geschichten, die sich so sehr voneinander unterschieden, standen oft in Verbindung mit großen Ereignissen unserer Zeit: Kolonialisierung, Shoah, Mai 68, Tiananmen 1989, und auch das ägyptische Kino.
Noch unerwarteter waren die unterirdischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Geschichten. Ich habe den Eindruck, mich dem zu nähern, was Édouard Glissant, Dichter und Philosoph aus Martinique, „le tout-monde” nennt: das Netzwerk vibrierender Begegnungen zwischen Sprachen und Kulturen in ihrer ganzen Vielfalt.
Nurith Aviv