Februar 2015, living archive

Visionary Archive: It all depends #5: Flora Gomes

PO DI SANGUI, 1996

Flora Gomes' aufsehenerregendes Spielfilmdebüt "Mortu Nega" (1988) galt lange als der Beginn des Kinos in Guinea-Bissau, zu dessen wichtigsten Akteuren Gomes seitdem gehört. Weniger bekannt ist seine frühere Arbeit als Dokumentarist des guineischen Befreiungskampfes – eine kollektive, mit dem Dekolonisierungsprozess verflochtene Filmarbeit, die derzeit im Rahmen des Arsenal-Projekts "Visionary Archive" wieder ins Blickfeld gerückt wird (Forum-Expanded-Panel auf der Berlinale am 11.2.). Der Kinoabend am 17.2. gibt die Gelegenheit, mit Flora Gomes zwei Filme zu sehen und zu diskutieren: seinen Spielfilm PO DI SANGUI (1996), über den Exodus einer von Dürre bedrohten Dorfgemeinschaft, und den letzten Film des senegalesischen Kino-Visionärs Djibril Diop Mambéty, LA PETITE VENDEUSE DE SOLEIL (1999).

PO DI SANGUI, Flora Gomes, Guinea-Bissau 1996, OmU, 95 min
In dem Dorf, in dem PO DI SANGUI spielt, kreuzen sich die Fäden der wesentlichen Gegensätze unseres Daseins, lebensbejahend vs. das Leben bedrohend. In Amanha Lundju wird bei jeder Geburt ein Baum gepflanzt. Dieser Baum wird mit dem Kind größer, wächst über es hinaus, überlebt es und wird zu dessen Seele. Als Dou nach langer Abwesenheit ins Dorf zurückkehrt, erfährt er, dass sein Zwillingsbruder Hami gestorben ist. Während Dous eigener Baum verkümmert, ist der Baum des toten Bruders kräftig und strotzt vor Leben. Sein Saft ist blutrot: ein Blutbaum (po di sangui), der für Dou zum schweigenden Ratgeber wird.
In Flora Gomes' bildstarker Erzählung steckt nicht nur eine zeitlos anmutende Mystik, sie ist auch aufgeladen mit einem dichten Subtext kultureller und politischer Konnotationen. Dabei geht es um ökologische und soziale Fragen wie die Bedrohung durch die Wasserknappheit, den Raubbau am Tropenholz und die Emigration der jungen Generation, aber auch um die noch immer spürbaren Nachwirkungen des langen Befreiungskampfes gegen den portugiesischen Kolonialismus. Der Exodus, zu dem sich die Dorfgemeinschaft schließlich entscheidet, wird zu einem Sinnbild, das aber nicht als Lösung der Probleme inszeniert wird, sondern als eine notwendige Passage in eine noch offene Zukunft.

LA PETITE VENDEUSE DE SOLEIL (The Little Girl Who Sold the Sun), Djibril Diop Mambéty, Senegal 1999, OmU, 41 min

LA PETITE VENDEUSE DE SOLEIL: Der Straßenverkauf von Zeitungen ist in Dakar eigentlich Jungssache, aber Sili stellt dieses Vorrecht in Frage. Sie ist vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, hat eine Gehbehinderung und lebt mit ihrer blinden Großmutter, die sie täglich in die Innenstadt zum Betteln begleitet. Nach einem bösen Zusammenstoß mit der Gang der Zeitungsjungs beschließt sie, sich derlei Rüpelei nicht gefallen zu lassen und wird allem Unbill zum trotz Verkäuferin des regierungsnahen Blattes Le Soleil.
Mambétys letzter Film LA PETITE VENDEUSE DE SOLEIL ist der zweite Flügel einer unvollendeten Trilogie der „Geschichten der kleinen Leute“ (histoires des petites gens). LA PETITE VENDEUSE DE SOLEIL wurde unter der Leitung der Schweizer Produzentin Silvia Voser nach Mambétys Tod 1998 fertig gestellt. Der Film ist lustig und ergreifend, voller exzentrischer Figuren, und entwirft die Vision des großen Glücks in unmittelbarer Nähe zur totalen Verzweiflung. LA PETITE VENDEUSE DE SOLEIL ist von Musik durchdrungen – die Sujet, Narrativ und Lebenselixier ist und im Fokus eines analytischen Filmemachens steht, das auf allen Ebenen mit Doppeldeutigkeiten arbeitet und kleine Schnittmengen aus verschiedenen Erzählsträngen ausbildet. LA PETITE VENDEUSE DE SOLEIL ist aber auch ein Film über die Zukunft, die der kleinen Verkäuferin, und mit ihr auch die der anderen Kinder, der Kleinwüchsigen und Geschrumpften; eine Zukunft, in der Weisheit und Verrücktsein ganz nahe beieinander liegen, und in der es viel Mut und Witz braucht, um respektvoll zu leben.

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