Von der Avantgarde zum Antikino

Zum Nachhall des ersten Berlinale Forums

von Anselm Franke

Tatsuniya II © Rahima Gambo, Forum Expanded 2020

Filme haben ein merkwürdiges Eigenleben: sie sind einerseits ganz und gar kontextspezifisch und ihrer Gegenwart verpflichtet; und werden andererseits doch Teil eines kulturellen Archivs, das die Vergangenheit immer wieder mühelos in die Gegenwart faltet und alle Vorstellungen von der Differenz von Geschichte und Gegenwart durchkreuzt. Das Filmarchiv des Arsenal – Institut für Film und Videokunst, in dem sich ein Großteil der politisch-engagierten und formal-radikalen Programme des Berlinale Forums (seit 1971, ab 2004 mit Forum Expanded) abbildet, macht das nur zu deutlich. Und das nicht nur durch die exemplarische, multidisziplinäre Forschungsarbeit an der Vision eines „living archive“ am Arsenal, die seit Jahren internationale Maßstäbe setzt.

Das lebendige Archiv aber trifft auf eine heimgesuchte Gegenwart. Dass wir in einer heimgesuchten Gegenwart leben, daran bestehen wenig Zweifel – zu gespenstisch ist die kapitalistische Brutalisierung und der daraus resultierende globale Rechtsruck. Oder sollte man weniger von Heimsuchung sprechen, als von fortdauernden, systemischen Strukturen, von Privilegien und materieller Ausbeutung, deren angebliche historische Überwindung sich nun als vergleichsweise kurzlebiges liberales Strohfeuer entpuppt? Dass in Wirklichkeit nichts überwunden ist, und die Beschwörung von Geschichte deren Richtung nicht garantiert, gehört zu auch feuilletonistisch registrierten Einsichten der Gegenwart. Aber welche Konsequenzen ziehen wir daraus für unser Verständnis der Kultur?

Film bezieht seine Massenfähigkeit und Zeitgenossenschaft daraus, dass er sein Material aus einer außerkünstlerischen Realität generiert, schrieb Alain Badiou 1999 in dem Aufsatz L’Art du cinéma. Im Film wird diese Realität notwendig kondensiert und bereinigt, sie wird zur Kultur. Aber Filme können auch wieder ausbrechen aus dieser Abtrennung und einer idealisierten, aber inkonsequentiellen Öffentlichkeit und sich mit außerkünstlerischen Realitäten neu verbinden. So kommt es zu tektonischen Verschiebungen des eigenen Standpunkts vis-à-vis des geschichtlichen Hintergrunds. Wie in der Geologie gehören auch Geschichtsbilder zu den Sedimenten einer Erinnerungslandschaft, in der strukturelle Schichten aufeinanderprallen, absinken, sich anheben, aufbrechen und zu seismischen Erschütterungen führen. Und so werden strukturelle Kontinuitäten und Bruchlinien wieder gegenwärtig, die als vergangen und „überwunden“ galten. An dieser Geologie ist aber rein gar nichts „natürlich“, nichts davon ist Spielball anonymer Kräfte. Vielmehr wird deutlich, dass die kulturelle Erinnerung selbst unweigerlich an geschichtliche Kämpfe und Konfliktlinien gebunden ist. So führen die Heimsuchungen der Gegenwart auch dazu, dass sich das Filmgedächtnis wieder aufs Neue mit der außerkünstlerischen Realität verbindet. In den Plattenverschiebungen werden Kontinuitäten von struktureller Gewalt wie auch von Widerstand wieder freigelegt, und die ideologischen Rahmenbedingungen von Geschichts- und Realitätswahrnehmung selber infrage gestellt.

Gishiki (The Ceremony), Nagisa Oshima, 1971

Wie also diese Rahmenbedingungen benennen in einer Gegenwart, die uns sprachlos macht? Wie spricht das Filmgedächtnis zu jenen überkommenen Gewaltstrukturen, deren Kontinuitäten zunehmend brutalisiert wieder aufbrechen und angesichts derer Worte und Bilder als machtlos oder auf kurzlebige Affekte beschränkt erlebt, und damit auch die Bilder und Worte der Vergangenheit umgewertet werden? Das titelgebende Motto des Forum Expanded 2015 war einem Ausspruch Jean-Luc Godards gewidmet, der einmal in Bezug auf die Aspirationen der Nouvelle Vague feststellte, dass dasjenige, was seine Generation als Öffnung empfunden habe, in Wirklichkeit das Geräusch einer für immer ins Schloss fallenden Türe gewesen sei. Zur Zeit seiner Äußerung wurde dieser Satz sicher anders aufgenommen als heute – als desillusionierte Haltung eines politisierten Filmemachers, dessen Hoffnungen in Bezug auf Bildbewusstsein und Politik vom Triumph des Liberalismus und der kapitalistischen Massenkultur verschüttet worden waren. Wenn uns im Kulturbetrieb heute allerdings der Boden unter den Füßen entzogen wird, weil der fragile Konsens rund um das liberale Versprechen eines progressiv-reformierbaren globalen Kapitalismus zerbricht – und ein kursorischer Blick auf die globale Filmproduktion der letzten Jahre genügt, um dieses Gefühl zu untermauern –, dann lässt sich Godards grimmige Feststellung vielleicht noch einmal anders lesen.

Zweifelsohne ist der Nachhall der sich schließenden Türe noch zu vernehmen. Wenn man aber von Heimsuchung der Gegenwart spricht, dann zeigt sich, dass die Gespenster des politischen Kinos, diese Schatten der Vergangenheit, sich um verschlossene Türen nicht kümmern. Sie erwehren sich vielmehr ihrer De-Realisierung, ihrer Entwirklichung, ihrer Neutralisierung im Ghetto der Kultur und ihrer wohlgepflegten liberalen Illusionen. Sie fordern uns auf, sich von der Trauerarbeit verlorener „Utopien“, der Entwirklichung alternativer und kollektiver Leben, ebenso zu verabschieden wie von dem Privileg, soziale Kämpfe als Kultur zu goutieren. Denn jene Trauerarbeit hat befördert, dass das politisierte Kino in den letzten Jahrzehnten mit eiserner Logik zum „Arthouse“-Kino oder zur zum Genre verhärteten, mystifizierten Avantgarde geworden ist, die in den Ruinen der Massenkultur ein nur notdürftiges und elitäres, von den Realitäten des Marktes entfremdetes Überleben fristet. Nun wird eben genau jene Verweigerung der libidinösen Ökonomie der Identifikation des Massenkinos aber seit geraumer Zeit museal geadelt, als aus der Massenkultur herausgehobene (Avantgarde-)Kunst, die sich eben jener (materialistischen) Verpflichtung gegenüber einer außerkünstlerischen Realität entzieht. Dem Würgegriff der Werbelogik wie auch der Veredelung durch die ästhetische Wertschätzung zu entkommen, ist neben der grundlegenden Solidarität dasjenige, was die Filmemacher*innen eines engagierten Kinos heute wieder zunehmend verbindet. Das künstlerisch radikale Kino verweigert die Trauerarbeit an verlorenen Utopien, weil es sich diese nicht mehr leisten kann.

Wer heute auf die Geschichte von Forum und Forum Expanded zurückblickt, wird ein aktualisierbares Filmgedächtnis finden, für das die Türe immer mindestens einen Spalt offen geblieben ist. Der Blick zurück auf die Ursprünge des Forums, der in diesem Jahr des Neuanfangs einen wesentlichen Teil des Programms ausmacht, ist in vielerlei Hinsicht signifikant. So wie der Rückgriff auf die Ursprünge des Forums heute weitaus mehr ist als ein Routine-Ritual und existentielle und systemische Fragen aufwirft, die den Gewissheiten der jüngeren Vergangenheit die Loyalität aufkündigt, gerade um existentielle Kontinuität zu ermöglichen, so griff das Forum 1971 auf die nicht nur für das Kino existentielle Dimension der Konfliktlinien und antifaschistischen Kämpfe der 1930er zurück, um die eigene Position in der Tektonik der Kulturlandschaft an den Bruchstellen und Konfliktlinien zu verorten. Die Archäologie des sowjetischen revolutionären Kinos von Vertov und Medvedkin sowie der (Selbst-)Kritik des (anti)bürgerlichen Kinos von Jean Renoir, Luis Buñuel oder Luchino Visconti hat damals den Rahmen abgegeben, in dem die militante, antikapitalistische und antikoloniale Bildpolitik einer Sarah Maldoror, eines William Klein oder Med Hondo oder die materialistische Mythopoeisis von Jean-Marie Straub & Danièle Huillet oder Nagisa Oshima erst zu jenem Bild sich zusammenfügten, das eben über die Kunst hinausweist und sich deren Einhegung und falscher Autonomie erwehrt.

Les yeux ne veulent pas en tout temps se fermer ou Peut être qu’un jour Rome se permettra de choisir à son tour (Othon), Jean-Marie Straub, Danièle Huillet, Forum 1971

Vilém Flusser hat in den 1980er Jahren davon gesprochen, wie die neuen Medientechnologien das Monopol und die Hierarchien bürgerlicher Kultur zerstören werden, und auch die Unterscheidung zwischen Massenkultur und elitärer Hochkultur obsolet werden lassen. Das sogenannte engagierte Kino, die der Welt radikal zugewandte, militante Bildproduktion der Anfangszeit des Forums, sucht die Gegenwart nicht heim: Vielmehr bildet dieses Kino einen notwendigen Bezugsrahmen, ohne den sich die „Tektonik“ der Gegenwart nur als kapitalistische Naturgeschichte mystifiziert (miss)verstehen lässt, nicht aber jene Konfliktlinien, denen sich niemand von uns kontemplativ zu entziehen vermag.

Im letzten Jahr widmete sich das Forum Expanded dem Motto „Antikino“. Erstaunlicherweise, so stellte sich heraus, war „Antikino“ kein historisch etablierter Begriff. Er trifft aber einen Kern der sich in der Geschichte von Forum und Forum Expanded niedergeschlagenen Film- und Sozialgeschichte. Engagiertes Kino und konfrontative Détournements gegen die Simplifizierungen filmischer und narrativer Konventionen des Mainstreams charakterisierten ein auf soziale Transformation abzielendes Gegen-Kino, das die grundlegende Rolle untergräbt, die der sogenannte Mainstream bei der Legitimation und Reproduktion sozialer Strukturen spielt. Die Verweigerung der fetischistischen Identifikationen kapitalistischer Kultur und ihrer Subjektivierungsmodi, die Ruinen des individualisierten und auf Wettbewerb trainierten Lebens – in all dem spiegelt sich der zu rekonstruierende, nie verloren gegangene Zusammenhang von filmischem Möglichkeitsraum und sozialer Existenzform.

Das von Flusser prophezeite Ende der bürgerlichen Kultur ist in vollem Gange: Die digitalen Medien unterwandern deren Protokolle, Hierarchien und Reinigungs- und Ausschlussmechanismen in rasantem Tempo. Die mediale Emanzipation aber offenbart ihre Anfälligkeit und Manipulierbarkeit; die globale Bildkultur wird von statistisch erfassten und algorithmisch distribuierten Affektströmen dominiert, und ist zum Medium einer neuen Form von Extraktivismus, einer „primitiven Akkumulation“ im Bereich der Subjektivität und des Lebens geworden.

Der Niedergang der bürgerlichen Kultur aber bedeutet auch, dass das Filmgedächtnis des Forums und seines Archivs einen potentiell völlig neuen Stellenwert bekommt, der direkt mit den strukturellen und existentiellen Kämpfen der Gegenwart kommuniziert, als Infrastruktur eines globalen Bewusstseins.

Anselm Franke ist Kurator, Autor und Leiter des Bereichs Bildende Künste und Film am Haus der Kulturen der Welt. Er ist Mitbegründer und Teil des Kurator*innenteams von Forum Expanded.