Ein Paneltag zum gegenkulturellen Aufbruch der ersten Jahre, zu dessen Erbe in der Gegenwart und zu Strategien für die Herausforderungen der Zukunft

27.02., 10:00–21:15
silent green Kulturquartier
Alle Diskussionen finden auf Englisch statt.
Eintritt frei.

2020 ist ein besonderes Jahr, denn das Berlinale Forum feiert sein 50. Jubiläum. Die Filme, die 1971 liefen, kommen zur Wiederaufführung. Der Blick zurück ist nicht zuletzt deshalb relevant, weil die gesellschaftlichen Verhärtungen, gegen die das erste Internationale Forum des Jungen Films antrat, zwar zwischenzeitlich überwunden schienen, sich heute aber mit neuer Kraft behaupten. Was sagt uns der gegenkulturelle Aufbruch der späten sechziger Jahre? Hat die Art und Weise, wie Helke Sander oder Rosa von Praunheim, Med Hondo oder Howard Alk gesellschaftliche Ordnungssysteme und Machtasymmetrien herausforderten, heute noch Bestand? An welche ästhetischen und politischen Strategien lässt sich anknüpfen?

Auf Einladung von Forum und Forum Expanded kommen Filmemacher*innen, Kulturschaffende, Kurator*innen und Archivar*innen am 27. Februar im silent green Kulturquartier zusammen, um gemeinsam über diese Fragen nachzudenken. Es geht dabei um die Wechselwirkungen zwischen Feminismus und Kino, um die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung, antikoloniale Kämpfe und deren Niederschlag im Film, um die Versuche, das Filmemachen durch kollektive Arbeit von etablierten Hierarchien zu befreien, es geht um Strategien der Filmaufbewahrung und -zirkulation, bei denen Begriffe wie „nationales Filmerbe“ keine Rolle spielen, und schließlich um die Möglichkeiten und Spielräume eines politischen Kinos.  

Wichtig ist uns dabei, dass wir unsere eigene Geschichte in die Reflexion einbeziehen. Gegründet wurde das Internationale Forum des Jungen Films als unabhängige Sektion der Berlinale, nachdem die Filmfestspiele im Jahr davor an einen toten Punkt gelangt waren. Die Unabhängigkeit besteht fort, da die Sektion vom Arsenal – Institut für Film und Videokunst verantwortet wird. Zugleich sind wir wie jede kulturelle Einrichtung, die es seit Jahrzehnten gibt, selbst Institution geworden. Wie gehen wir damit produktiv um? Auch dieser Frage stellen wir uns am 27. Februar.

10:00–10:15

Einführung

Birgit Kohler, Cristina Nord, Stefanie Schulte Strathaus

Birgit Kohler ist Ko-Direktorin des Arsenal – Institut für Film und Videokunst.
Cristina Nord ist Leiterin des Berlinale Forums.
Stefanie Schulte Strathaus ist Ko-Direktorin des Arsenal und Leiterin von Forum Expanded.

10:15–11:45
PANEL 1: ICH TRAT IN STREIK
Feministische Bildpolitiken gestern und heute

Louise Alaimo, Claudia von Alemann, Helena Kritis, Constanze Ruhm, Judith Smith
Moderation: Diana McCarty

Louise Alaimo studierte an der UCLA und war Mitglied von San Francisco Newsreel, wo sie zusammen mit Judy Smith und Ellen Sorrin The Woman’s Film drehte, den ersten Film des Kollektivs, der in einem reinen Frauenteam entstand.
Claudia von Alemann ist Regisseurin und hat seit den 1960er Jahren zahlreiche Experimental-, Dokumentar- und Spielfilme gedreht. 1973 organisierte sie gemeinsam mit Helke Sander das 1. Internationale Frauenfilmseminar im Arsenal. Von 1982 bis 2006 war sie Professorin für Film an der Fachhochschule Dortmund.
Helena Kritis ist freiberufliche Kuratorin und Mitglied im Kurzfilm-Auswahlkomitee beim Internationalen Filmfestival Rotterdam. Bis Dezember verantwortete sie das audiovisuelle Programm der Brüsseler Beurs­schouw­burg.
Constanze Ruhm arbeitet als Künstlerin, Autorin und Kuratorin in den Bereichen Film, Video und Installation. Sie ist zudem Professorin für Kunst und digitale Medien an der Akademie der Bildenden Künste Wien.
Judith Smith trat 1969 dem Newsreel-Kollektiv bei. Mit Louise Alaimo und Ellen Sorrin drehte sie The Woman’s Film, der 1971 in der ersten Ausgabe des Forums lief.
Diana McCarty ist Mitbegründerin des preisgekrönten freien Künstlerradios reboot.fm/88.4 mhz und von Faces, einer internationalen Community für Frauen in den Medien.

11:45–13:15
PANEL 2: MONANGAMBEEE!
Film als Mittel der Dekolonialisierung

Enoka Ayemba, Didi Cheeka, Lyse Ishimwe Nsengiyumva, Jacqueline Nsiah
Moderation: Cristina Nord

Enoka Ayemba ist Filmkurator und Filmkritiker mit Fokus auf afrikanische Kinematografien, die nigerianische Videoindustrie und antikoloniale Bewegungen. Für das Berlinale Forum ist er als Berater für die Filmauswahl tätig.
Didi Cheeka ist Regisseur, Filmkritiker und Mitbegründer der Lagos Film Society. Er setzt sich für die Aufwertung des nigerianischen Filmerbes ein und initiierte das Archivprojekt „Reclaiming History, Unveiling Memory“.
Lyse Ishimwe Nsengiyumva ist die Gründerin und Kuratorin von Recognition in Belgien, einem Programm, das sich durch Filmvorführungen und Workshops für mehr Sichtbarkeit von afrikanischer sowie afrikanisch-diasporischer Kunst, Literatur und Kultur einsetzt.
Jacqueline Nsiah ist Programmdirektorin bei der Africa Film Society in Ghana und betreut als Projektreferentin eine afrikanische Filmplattform des Goethe-Instituts. Seit 2019 ist sie Mitglied des Auswahlkomitees des Forums.

13:15–14:00
Pause

14:00–15:30
PANEL 3: ALLEIN MACHEN SIE DICH EIN
Filmarbeit im Kollektiv

Mit Vertreter*innen der Kollektive: Forensic Architecture, ISKRA, The Living and the Dead Ensemble
Moderation: Nanna Heidenreich

Forensic Architecture ist ein Team von Architekt*innen, Software-Entwickler*innen, Filmemacher*innen, investigativen Journalist*innen, Künstler*innen, Wissen­schaftler*innen und Anwält*innen, die staatliche und unternehmerische Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und Umwelt­zerstörung untersuchen.
ISKRA („Image, Son, Kinescope et Réalisations Audiovisuelles“) ist eine unabhängige Filmproduktionsfirma, die (ursprünglich unter dem Namen Slon) seit den sechziger Jahren durch ihre eigene Ästhetik und durch ihre kollektive Produktionsweise Filmgeschichte geschrieben hat.
The Living and the Dead Ensemble ist eine Gruppe von Künstler*innen aus Haiti, Frankreich und dem Vereinigten Königreich, die sich im Juli 2017 zusammentaten, um Édouard Glissants Theaterstück „Monsieur Toussaint“ vom Französischen ins haitianische Kreol zu übersetzen. Ihr Film Ouvertures läuft dieses Jahr im Forum.
Nanna Heidenreich ist Professorin für Digital Narratives an der ifs internationale filmschule köln. Von 2009 bis 2017 war sie Ko-Kuratorin des Programms vom Forum Expanded.

15:40–17:10
PANEL 4: ANTIKINO, ANTIARCHIV
Strategien widerständiger Filmaufbewahrung, -restauration und -zirkulation

Vinzenz Hediger, Annamaria Licciardello, Michael Loebenstein, Tamer El Said, Catarina Simão.
Moderation: Stefanie Schulte Strathaus

Vinzenz Hedinger ist Professor für Filmwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main im Studiengang „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“. Zusammen mit weiteren Partnern initiierte die Goethe-Universität den ersten Masterstudiengang für Filmarchivierung und Filmkultur in Afrika.
Annamaria Licciardello ist Filmkuratorin, Historikerin und Archivarin mit speziellem Fokus auf militantes und experimentelles Kino aus dem Italien der 60er und 70er Jahre.
Michael Loebenstein ist Kurator, Filmkritiker, Autor und Mediengestalter. Seit 2017 ist er Direktor des Österreichischen Filmmuseums.
Tamer El Said ist Filmemacher und Mitbegründer der Cimatheque – Alternative Film Centre in Kairo, die ein Kino, ein Archiv, eine Bibliothek, ein Labor und Räume für Workshops und Filmdiskussionen umfasst. El Saids erster Spielfilm Akher ayam el madina lief 2016 im Berlinale Forum.
Catarina Simão ist Künstlerin und Forscherin. Seit 2009 beschäftigt sie mit dem Begriff des Archivs und insbesondere mit der kolonialen und antikolonialen Geschichte Mosambiks.

17:15–18:45
PANEL 5: GEGENSCHUSS
Filme politisch machen 1971/2020

Ruth Beckermann, Filipa César, Jonathan Perel
Moderation: Birgit Kohler

Ruth Beckermann ist Dokumentarfilmemacherin und freie Autorin. Zahlreiche ihrer Filme liefen im Forum, zuletzt Waldheims Walzer (2018), der sich mit der Affäre um Kurt Waldheim beschäftigt.
Filipa César ist Filmemacherin und Künstlerin in Berlin. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit den durchlässigen Grenzen zwischen dem Bewegtbild und dessen Rezeption, den fiktionalen Dimensionen des Dokumentarischen und den Ökonomien, Politiken und Poetiken des Kinos.
Jonathan Perel ist Filmemacher und Künstler. Sein aktueller Film Responsabilidad empresarial läuft im Forum, er untersucht die Rolle von Unternehmen in der argentinischen Militärdiktatur.

18:45–19:45
Pause

19:45–21:15
ABSCHLUSSPANEL: AM ENDE DES ROTEN TEPPICHS
Festivals in der Kritik, Festivals als Instanzen der Kritik

Iskra Geshoska, Amine Hattou, Shai Heredia
Moderation: Marc Siegel

Iskra Geshoska ist Philosophin, Aktivistin und Mitbegründerin der NGO Kontrapunkt, die in Nordmazedonien unabhängige Kulturveranstaltungen unterstützt und organisiert.
Amine Hattou ist Filmemacher. Er ist Mitbegründer von Dima Cinéma, einer Organisation, die die Produktion und Distribution von unabhängigen Filmen in Algerien unterstützt.
Shai Heredia ist Filmemacherin, Kuratorin und Leiterin der Experimenta India, der Biennale für Filmkunst. Sie hat weltweit für Filmfestivals und Kunststätten kuratiert.
Marc Siegel ist Professor für Filmwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungen und Publikationen konzentrieren sich auf Fragen der Queer Studies und des Experimentalfilms. Er ist im Beirat des Forum Expanded und Mitglied des Kunstkollektivs CHEAP.