März 2018, kino arsenal

Zeit und Erinnerung: Das Kino von Terence Davies

THE TERENCE DAVIES TRILOGY, 1976–1983

Zeit und Erinnerung sind zentrale Elemente in den Filmen des britischen Regisseurs Terence Davies, der 1945 als jüngstes von zehn Kindern in eine Arbeiterfamilie in Liverpool hineingeboren wurde. Seine Kindheit war dominiert von der Gewalttätigkeit des Vaters und einem als repressiv erlebten Katholizismus, die Entdeckung der eigenen Homosexualität war verbunden mit Scham und Schuldgefühlen. Diese Erfahrungen konstituieren seine Werke von den ersten, stark autobiografisch geprägten Filmen bis hin zu seinen späteren Literaturadaptionen. In ihnen sind Vergangenheit und Gegenwart auf einzigartige Weise miteinander verschränkt, gleichzeitig tragen sie den Eigenschaften von Erinnerung Rechnung: Sie ist fragmentarisch und sprunghaft, an Emotionen, Musik und einzelne Menschen gebunden. Vom Leben seiner Protagonist*innen erzählt er folglich nicht als chronologische Abfolge von Ereignissen, sondern als dicht gewebter Teppich von Träumen und Bedürfnissen, Begegnungen und Enttäuschungen. Verstrickt in ihre eigene Geschichte, können sie sich so wenig von ihrer Vergangenheit lösen, wie Davies’ Filme an einer linearen Narration interessiert sind. In langen, unbewegten Einstellungen, assoziativen Montagen und fließenden Übergängen findet diese spezifische Form des Umgangs mit Zeit ihre ästhetische Entsprechung. Wir zeigen bis zum 9. April alle acht Spielfilme von Terence Davies und freuen uns besonders, ihn am 5. und 6. April im Arsenal begrüßen zu können.

THE TERENCE DAVIES TRILOGY (GB 1976–1983, 29.3.) entstand als drei unabhängig voneinander gedrehte und thematisch miteinander verbundene mittellange Filme (CHILDREN, MADONNA AND CHILD, DEATH AND TRANSFIGURATION), die in verdichteten Montagen und mit einem so schonungslosen wie mitfühlenden Blick vom Leben Robert Tuckers erzählen. Der Weg vom gequälten Schulkind zum Erwachsenen, der seine Homosexualität nur versteckt und mit Schuldgefühlen ausleben kann, bis zum einsamen Sterben des alten Mannes zeigt keine Reifung, sondern ein lebenslanges Leiden, das Erlösung erst im Tod findet. So radikal wie der Inhalt ist auch die Form, die in stilisierten Schwarz-Weiß-Bildern und mit einer oft statischen Kamera aus Erinnerungsfetzen und Assoziationsketten die Passionsgeschichte eines Mannes nachzeichnet.

A QUIET PASSION (GB/Belgien 2016, 30.3.) Von ihren insgesamt 1800 Gedichten konnte die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson (1830–1886) bis zu ihrem Tod nur eine Handvoll veröffentlichen. Obwohl sie ein zurückgezogenes Leben im Haus ihrer Familie in Amherst, Massachusetts führte, zeugen ihre Gedichte von einem weiten Blick und einem reichen inneren Erfahrungsschatz. Davies zeichnet in seinem von Ausstattungskitsch gänzlich freien Film über Emily Dickinson deren Entwicklung nach: Aus der jungen Frau, die sich mit Witz und sprühender Intelligenz Wortgefechte über Politik, Religion und die Rolle der Frau liefert, wird aus Mangel an Verbindung und Intimität eine Person, die sich schleichend aus der Welt zurückzieht. Es gelingt ihm das eindringliche Porträt einer Frau, die für ihre Leidenschaften kämpft und mit der Vergeblichkeit dieses Kampfes hadert – gänzlich unpathetisch, zugleich tief berührend. Immer wieder im Off zu hören sind die von Dickinson – grandios verkörpert von Cynthia Nixon – vorgetragenen Gedichte, die somit einen eigenen Raum bekommen.

DISTANT VOICES, STILL LIVES (GB 1988, 31.3.) Szenen einer Familie, zusammengehalten durch Lieder, die im Pub und im Wohnzimmer gesungen werden: Im kaleidoskopartigen, keiner Chronologie folgenden Porträt einer Liverpooler Arbeiterfamilie mit zwei Töchtern und einem Sohn in den 40er und 50er Jahren drückt Musik das aus, was die Protagonist*innen nicht in -Worte fassen können – unbändige Freude und unermesslichen Schmerz gleichermaßen. Im Wechsel zwischen unbewegten, tableauartigen Bildern und traumgleichen Kamerafahrten scheint die Zeit gleichsam eingefroren, und das Foto des einst gewalttätigen, nun toten Vaters an der Wohnzimmerwand (das Davies’ eigenen Vater zeigt) macht deutlich, dass die Erfahrungen der Kindheit ein Leben lang andauern. (al)