August 2021, kino arsenal

Fiktionsbescheinigung im Sinema Transtopia

AUSLANDSTOURNEE, 1999

Wie Kultur im Allgemeinen, Kino im Besonderen, Gesellschaft und Rassismus zusammenhängen, ist Gegenstand kontroverser Diskussionen. Das Berlinale Forum greift in die Debatte ein, indem es die Film- und Diskussionsreihe „Fiktionsbescheinigung. 16 filmische Perspektiven auf Deutschland“ präsentiert: Sie widmet sich dem Schaffen von Schwarzen Regisseur*innen und Regisseur*innen of Color in Deutschland, versteht sich als ein Experiment in geteilter kuratorischer Verantwortung und wirft ein Schlaglicht auf ein wenig bekanntes Kapitel deutscher Filmproduktion. Nachdem die Filme im Juni online auf arsenal 3 zu sehen waren, laufen sie vom 19. bis 28. August bei unserem Kooperationspartner SİNEMA TRANS­TOPIA auf der Leinwand.

Die Filmauswahl haben die Kurator*innen Enoka Ayemba, Karina Griffith, Jacqueline Nsiah, Biene Pilavci und Can Sungu getroffen. Zu sehen sind Lang- und Kurzfilme aus vier Jahrzehnten, etwa AUSLANDSTOURNEE (1999) von Ayşe Polat, GÖLGE (1980) von Sofoklis Adamidis und Sema Poyraz oder IN THE NAME OF SCHEHERAZADE ODER DER ERSTE BIERGARTEN IN TEHERAN (2019) von Narges Kalhor. Manche der Filme greifen die Erfahrung von Migration auf, andere nehmen sich die Freiheit, sie gar nicht weiter wichtig zu nehmen. Während Mala Reinhardts DER ZWEITE ANSCHLAG (2018) sich mit strukturellem Rassismus auseinandersetzt und das Versagen der Behörden im Fall des NSU-Terrors anklagt, interessiert sich Visar Morina in EXIL (2020) vor allem für die subkutanen Wirkungen, die die Erfahrung von Rassismus für ein Individuum bedeutet. Sheri Hagens AUF DEN ZWEITEN BLICK (2012) lässt spezifische Schwarze Erfahrungen sichtbar werden, aber nicht als solche, die ein Individuum determinieren.

Die fünf Kurator*innen erläutern ihre Auswahl in einem Statement: „Die Reihe versteht sich als Momentaufnahme in einem selbstbestimmten und fortlaufenden Prozess der Einmischung und des Widerspruchs. Jeder Film ist ein Vorschlag, den weißen deutschen Blick mit vielfältigen, intersektionalen Perspektiven zu parieren, und allen gemein ist eine eigene visuelle und textuelle Praxis der Zeugenschaft von innen, nicht vom Rand.“ (cn)