Mai 2011, kino arsenal

Transeuropa-Festival - Die Grammatik des Körpers und der empathische Blick auf den Anderen

RENATE, 2005/2011

Transeuropa ist ein dezentrales, europaweites Festival und findet vom 6. bis 15. Mai zum zweiten Mal statt. Mit verschiedenen Veranstaltungsformaten wie Filmvorführungen, Performances, Stadtführungen, Debatten und Workshops bietet Transeuropa eine vielseitig bespielbare Struktur für lokale Akteure und Initiativen. Es geht darum, mit künstlerischen und aktivistischen Interventionen an einer "transnationalen" Vision für Europa zu arbeiten und dabei lokale Schwerpunkte zu setzen. Der Rahmen ist weit gesteckt. Ein offenes Experiment mit Veranstaltungen in mittlerweile zwölf Städten, erstmals auch in Berlin. Das zweitägige Gastprogramm im Arsenal wurde ko-kuratiert von Bonaventure Ndikung und Tobias Hering. Bonaventure Ndikung stellte sich die Ausgangsfrage: Was bedeutet überhaupt "transnational" und wie könnte ich das meinem Nachbarn erklären? Das Video-Programm "The body as grammar … in the language of transnationality" (14.5.) lässt den Körper in seiner Doppelrolle erscheinen: als Ausdrucksmittel und als Einschreibfläche für das, was sich jenseits einer gemeinsamen Sprache abspielt. In ihrer eklektischen Vielfalt provozieren die Videos, rufen Klischees auf und öffnen sich für eine kritische Lektüre. Lässt sich Politisches mit dem Vokabular des Körpers verhandeln?

Im ersten Teil (RENATE, Antje Engelmann, D 2005/2011, THE PHANTOM DESIRE, Sergio Roger, D 2009, TERRITORY OF INTIMACY – TRANSCAUCASIAN IDENTIFICATION, Verena Kyselka, Armenien 2009) stehen sich unterschiedliche Bilder von Intimität gegenüber. Es geht um das Begehren des Anderen und die Ökonomien, die sich daraus speisen. Es geht aber auch um Identität und Zugehörigkeit, deren letzter Garant oft der Körper ist, weil er sich am längsten erinnert. Im zweiten Teil werden zwei Arbeiten gezeigt, die formal vor allem die Rolle des Beobachters thematisieren.

ARCADIA, DOWNTOWN (Yaron Lapid, Israel 2009) zeigt einen nackten Mann, der sich auf einer nächtlichen Straße windet. In Schmerzen, in Trance, zur Schau? PANDORE (Virgil Vernier, F 2010) nimmt den Eingang eines Pariser Edelclubs ins Visier. Wer darf rein, wer bleibt draußen? Eine Nacht voller Koketterien, Eitelkeiten und Demütigungen. Bonaventure Ndikung diskutiert mit Antje Engelmann, Verena Kyselka und Sergio Roger (angefr.).

Am zweiten Tag des Transeuropa-Gastspiels (15.5.) zeigt Tobias Hering zwei neuere Dokumentarfilme, die den Blick auf das Leiden Anderer mit der Frage nach solidarischem Handeln konfrontieren. Eliza Petkova und Hannes Marget haben im Herbst 2010 mehrere Roma-Familien aufgesucht, die kurz zuvor von Deutschland in den Kosovo abgeschoben worden waren. Ihr Film WILLKOMMEN ZUHAUSE (D/Kosovo 2011) ist ein ernüchternder Befund zur deutschen Roma-Politik und dabei auch ein schnörkelloser Kommentar im Diskurs über "europäische Identität".

Anne Barbé widmet sich in CEUX DE PRIMO LEVI (F 2010) der Pariser "Association Primo Levi", einer therapeutischen Anlaufstelle für Folteropfer und traumatisierte Migrant/innen. Ihr Interesse konzentriert sich ganz auf das professionelle Personal aus Therapeuten, Juristen und Sozialarbeitern. Wie geht man damit um, zum Zeugen der Leiden eines Anderen zu werden? Was macht es aus einem selbst? Tobias Hering diskutiert mit Eliza Petkova, Dorothee Bruch von Xenion, einer Berliner Einrichtung für die psychosoziale Betreuung politisch Verfolgter, sowie mit Mitarbeiter/innen der Berliner Roma-Initiative Amaro Drom e.V. (Tobias Hering) www.euroalter.com/festival